La Plagne

Artikel, Abhandlungen und Doktor-Arbeiten :-) über den Radsport

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Stephen Roche
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La Plagne

Beitrag: # 406895Beitrag Stephen Roche
26.1.2007 - 9:54

Wer etwas über die viel gerühmten Helden der Landstraße wissen will, mag in ihre Palmares schauen, jene Listen, die die größeren und kleineren Erfolge akribisch aufführen.

Wer den Radsport, seine Schönheit und Grausamkeit jedoch verstehen will, muss die Oberfläche des Zahlenwerks durchbrechen, muss nach Momenten suchen. Nach Gesten. Nach Schicksalen. Nach dem Mythos des Einzigartigen. Nach dem Umstand, der jedes Paris-Roubaix zu etwas Besonderem macht, jeden Tour-Sieg bedeutsam und manches Duell unvergesslich. Wer den Radsport verstehen will, muss von seiner Seele zumindest eine Ahnung haben: dem Kampf Mann gegen Mann.

Am 22. Juli 1987 offenbarte sich diese Seele. In La Plagne.


***

Der Tour de France fehlte im Jahr 1987 der Dominator. Bernard Hinault war abgetreten, Greg Lemond nach seinem Jagdunfall erst am Anfang einer langen Genesung und auch Laurent Fignon hatte nicht die Form, um ein ernstes Wort im Kampf um das Maillot Jaune mitreden zu können. Der Verlauf der Rundfahrt bestätigte die Erwartungen: Acht verschiedene Fahrer durften sich das Trikot überstreifen. Nachdem zunächst die Prologspezialisten Jelle Nijdam und Lech Piasecki sowie der Ausreißer Erich Maechler das Gelbe Trikot getragen hatten, eroberte mit Charly Mottet der erste ernsthafter Anwärter auf den Toursieg nach der neunten Etappe die Gesamtführung, nur um das Gelbe zwei Tage später an Martial Gayant weiterzureichen. Mottet gelang es bald, das Trikot zurückzuerobern, doch sollte es für ihn nicht zu einem Podiumsplatz Podium in Paris reichen und nur der undankbare vierte Platz am Ende zu Buche stehen.

Die Tour 1987 hatte eine Gesamtlänge von mehr als 4300 km, verteilt auf einen Prolog und 25 Etappen. Gleich dreimal mussten die Fahrer im Kampf gegen die Uhr antreten. Nachdem der Ire Stephen Roche das erste Zeitfahren über 83 km gewonnen hatte, sicherte sich Jean-François Bernard in eindrucksvoller Manier den Sieg beim Bergzeitfahren am Mont Ventoux. Er entriss Mottet das Gelbe Trikot, musste es jedoch bereits am Tag darauf einen Tag an Roche weiterreichen und wurde schließlich als Dritter der Gesamtwertung auf den Champs Élysées geehrt.

Roche wiederum verlor in Alp d’Huez die Führung an den Spanier Pedro Delgado, der nun alle Trümpfe in der Hand zu halten schien. Zwar betrug sein Vorsprung auf den Iren nur 21 Sekunden und auch Bernard und Mottet waren keineswegs außer Schlagdistanz. Doch sprachen seine Form und der Umstand, dass vor dem abschließenden Zeitfahren noch zwei weitere schwere Alpenetappen zu bewältigen waren, für Delgado.

Das Ende der Geschichte ist bekannt. Stephen Roche gewann die Tour 1987 mit 40 Sekunden Vorsprung vor Delgado. Und gewiss war dieses Ergebnis die Summe der gefahrenen Zeiten aus einem Prolog und 25 Etappen. Oder besser gesagt: Es war auch deren Summe. Eine Statistik. Das Verhältnis von Zahlen zueinander. Zahlen haben aber keine Seele.

Dass der Sport eine Seele hat, sollte sich zeigen. In La Plagne.

Nachdem Roche auf der 20. Etappe hinauf nach Alpe d’Huez mehr als anderthalb Minuten verloren hatte, tat er am nächsten Tag das Unerwartete: Bei heftigem Gegenwind suchte er über den Col du Galibier und das Tal der Maurienne sein Heil in der Flucht. Delgado konnte die Lücke zum Iren jedoch am Col de la Madeleine schließen. Die Karten wurden neu gemischt. Roche hatte einen Joker erfolglos gespielt.

Roche war längst isoliert. Sein Triumph beim Giro d’Italia ein paar Monate zuvor hatte im Team Carrera für Missstimmung gesorgt. Der Italiener Roberto Visentini war teamintern zum ersten Anwärter auf den Gesamtsieg bestimmt worden, doch ein unerwarteter Rennverlauf hatte Roche in die Lage versetzt, den Giro zu gewinnen. Die Italiener im Team waren verärgert. Zwar gewann man gemeinsam noch das Teamzeitfahren auf der 3. Touretappe, doch blieb allein der Belgier Eddy Schepers in den Bergen an Roches Seite. Hinauf nach La Plagne war dieser längst distanziert.

Aber auch Delgado war auf sich gestellt. Somit war der Boden bereitet für das Duell Mann gegen Mann. Delgado gegen Roche. Und 15 Kilometer hinauf nach La Plagne. Bernard und Mottet, die beiden anderen Anwärter auf den Gesamtsieg, waren endgültig geschlagen.

Delgado schien die Gunst der Stunde zu nutzen. Im Wissen um das auf der vorletzten Etappe anstehende Zeitfahren in Dijon und Roches Stärke im Kampf gegen die Uhr forcierte er im Schlussanstieg das Tempo. Mit Erfolg. Roche konnte nicht folgen. Hatte seine frühe Flucht ihm zu viele Körner geraubt? Delgado schien bärenstark, sein Vorsprung auf den Roche wuchs stetig. 10 Sekunden, 30 Sekunden, eine Minute ... bis auf 90 Sekunden. Ein komfortables Polster.

Es ging um den Toursieg. Ein Spanier und ein Ire kämpften um die Radsportkrone Frankreichs. Unterdessen bewies an der Spitze des Rennens der zweimalige Champion Fignon zur Freude seiner Landsleute, dass er immer noch die Stärke besaß, eine dominierende Rolle bei der Tour spielen zu können. Zwei Jahre später sollte er ein drittes Mal nach dem Gesamtsieg greifen und nur um wenige Sekunden von dem genesenen Lemond geschlagen werden. Fignon bildete gemeinsam mit dem Spanier Anselmo Fuerte eine Allianz, die die Gegner in Schach halten konnte, bis die Entscheidung im Sprint der beiden zugunsten Fignons fallen sollte.

Wo aber war Delgado? Wo Roche? Zwischenzeiten waren gleichermaßen rar wie Motorradkameras. Während die Radsportnation Frankreich - und mit ihr notgedrungen auch der Rest der Radsportwelt - den Parforceritt Fignons bestaunte, hatte man den Überblick über den Kampf um das Maillot Jaune verloren. Warten. Wie viel Zeit würde Delgado herausfahren können? Die 90 Sekunden? Oder gar mehr? Drei, vier Minuten? War La Plagne der Scharfrichter dieser Tour?

Das Warten auf das Gelbe Trikot war bald beendet. Schon 500 Meter vor dem Ziel hatten die stationären Kameras Delgado im Fokus. Noch immer kraftvoll schien der Tritt. Informationen über Roche? Fehlanzeige. "Delgado has flipped Stephen Roche on the Climb" waren die Worte des englischen Kommentators, als Delgado um die letzte Kurve bog. 56 Sekunden nach Fignon überquerte der Spanier schließlich als Tagesvierter, hinter Fabio Parra, die Ziellinie. Aber noch bevor die Kommentatoren die Frage, die sich alle stellten, aussprechen konnten, wurde sie beantwortet. Roche kam ins Ziel. Nur fünf Sekunden später ...

Nach der La-Plagne-Etappe, der 21. der Tour, hatte Delgado 25 Sekunden Vorsprung auf Roche. Am nächsten Tag kam Roche im Zielort Morzine als Tageszweiter 18 Sekunden vor Delgado an, weitere 61 Sekunden gewann er beim Zeitfahren in Dijon am vorletzten Tag der Rundfahrt. Am 26. Juli 1987 gewann erstmals ein Ire die Tour de France. Delgado hingegen musste ein weiteres Jahr warten, ehe er sich in die Siegerliste eintragen durfte. Roche krönte die Saison mit dem Weltmeistertitel. Er sollte nie wieder eine große Rundfahrt gewinnen.

***

Natürlich kann man die Tour an einem Tag, ja sogar in einer Sekunde verlieren, sie aber nur in der Summe aller Etappen gewinnen. Und doch gibt es besondere Momente, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. La Plagne bot diese Momente.

Vieles ist dabei Spekulation, manches Legende. Es gibt kaum Bilder vom Duell, das sich Delgado und Roche an diesem Tag, an diesem Berg geliefert haben, der Spanier immer ein Stück dem Iren voraus. Geblieben sind die Bilder im Ziel: Delgado, sich ein weiteres Mal das Maillot Jaune überstreifend. Roche, am Boden, umringt von Ärzten und Betreuern, mit einer Sauerstoffmaske vor dem Gesicht.

Nachdem Roche sich von den Strapazen des Anstiegs und der Verfolgung Delgados leidlich erholt und vom Arzt ein erstes Zeichen erhalten hatte, dass eine Fortsetzung der Tour möglich war, bat der Ire: "Great, but no women just yet, please."

http://www.youtube.com/watch?v=sQojh-wqL04
“Our comforting conviction that the world makes sense rests on a secure foundation: our almost unlimited ability to ignore our ignorance." (Kahneman)

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