Turin 2006

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Klaus und Tony
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Turin 2006

Beitrag: # 337155Beitrag Klaus und Tony
19.3.2006 - 10:58

Turin 2006

Die Olympischen Winterspiele von Turin 2006 begannen im Jahre 1990, als das IOC die Sommerspiele 1996 an Atlanta vergab.
Brisant war diese Entscheidung nicht nur, weil die amerikanische Stadt die Zentrale des Weltkonzerns Coca-Cola ist und man schnell das Vorurteil von „gekauften Spielen“ zur Hand hatte, sondern auch, weil die Olympischen Spiele der Neuzeit 1996 ihren 100. Geburtstag feiern würden und die gesamte Welt fest mit einer Vergabe der Spiele an Athen, wo 1896 die ersten Spiele stattgefunden hatten, rechnete.

Die Vergabe an Atlanta beleidigte Traditionalisten, Griechen und Amerikaphobe gleichermaßen – und im IOC erkannte man, dass man sich bei den Griechen würde entschuldigen müssen, wenn man den Geburtsort der Olympischen Spiele nicht auf alle Zeiten zum Feind haben wollte.

Die nächste Gelegenheit ergab sich bei der Vergabe der Sommerspiele 2004, als die Griechen, die acht Jahre geschmollt hatten, erneut antraten. Diesmal erhielten sie den Zuschlag, was keineswegs mit der besten Bewerbung begründbar war. Die nämlich hatte die italienische Hauptstadt Rom abgeliefert. Am Tag der Entscheidung warteten römische Volksversammlungen siegessicher vor den aufgestellten Großleinwänden auf das Signal zum Jubeln, um Minuten später entsetzt nach Hause gehen zu müssen. Die Spiele waren nach Griechenland heimgekehrt und beim IOC die nächste offene Rechnung eingetrudelt. Wie waren die Italiener zu besänftigen?

Nach allem, was über die Vergabepraktiken des IOC im letzten Jahrzehnt ans Licht gekommen ist, kann die Antwort nicht überraschen: Ungerechtigkeit wird durch Ungerechtigkeit ausgeglichen. Italien sollte seine Spiele haben, die Leidtragenden waren diesmal die Schweizer, die für 2006 mit Sion (Sitten) das eindeutig beste Konzept ins Rennen geschickt hatten.

Willkommen in Turin.

Passion lives here

Wo auch immer die Leidenschaft für den Wintersport zu Hause sein mag – im Piemont ganz sicher nicht.

Man muss darüber weder erstaunt noch erbost sein. Die Italiener hatten in den letzten Jahren genügend Wintersportgroßereignisse, bei denen sie darauf hinweisen konnten, dass mit Zuschauermassen bei den Olympischen Spielen nicht zu rechnen sein würde. Bei der Alpinen WM von Bormio 2005 wurden Schulklassen in den Zielraum geordert, damit die Zuschauerzahlen zumindest dreistellig wurden, bei der Nordischen WM im Feimstal 2003 sah man einmal mehr, dass die Italiener zwar mit Langlauf etwas anfangen konnten, nicht aber mit Springen und Kombination. Selbst der jährliche Biathlon-Weltcup von Antholz bezieht sein berechtigtes Renommé nicht aus einheimischen Zuschauern, sondern aus den deutschen und norwegischen Touristen in Südtirol.

Die Bürger der Stadt Turin selbst sind zu gelassen, zu erfolgreich und zu selbstbewusst, um sich vom mittlerweile leider normalen Event-Hype, der sportliche Großveranstaltungen begeleitet, anstecken zu lassen. Das Leben in der Stadt ging während beider Februarwochen seinen annähernd normalen Gang und hätte nicht jemand die kluge Idee gehabt, die Medaillenvergabe im Stadtzentrum mit kostenlosen Konzerten zu verbinden, dann hätten wir auch dort sehr wenige Piomentesen gesehen.

Die besten Zahlen und die beste Stimmung hatten tatsächlich die von Snowboard angeführten Trendsportarten, womit nicht auszuschließen ist, dass spektakuläre Wettbewerbe gegenüber den trainingintensiven traditionellen Disziplinen weiter Boden gut machen.

Liebhaber des „alten Sports“ werden diese Vorstellung hassen und müssen jetzt - die Übertreibung sei gestattet - auf chinesische Erfolge in Peking hoffen, bei denen ein sozial gänzlich anders geartetes Publikum wohl auch beim Gehen, beim Barrenturnen und beim Modernen Fünfkampf ein verordnetes Ausrasten an den Tag legen kann.

Es darf behauptet werden, dass die Freiluft-Kernsportarten des Winters nur in Norwegen, Österreich, Deutschland und Russland Massen bewegen könnten, wobei die Russen mangels alpiner Berge im politisch und infrastrukturell sicheren Teil des Landes wohl auf absehbare Zeit keine Winterspiele austragen werden. Abstufungen müssen in Richtung Nordamerika gemacht werden, wo das Fachwissen bedeutend kleiner ist, aber das Publikum immerhin eine traditionelle Freude am Dabeisein hat.
Wenn das IOC dann noch von zum Teil aberwitzigen Eintrittspreisen Abstand gewinnen könnte (anzunehmen ist das allerdings nicht), muss man vor Vancouver 2010 keine gar zu große Angst haben.

Mit dem Ski am Arsch der Welt

Die Westalpen mögen durch Giro und vor allem Tour das Nonplusultra im Radsport sein, aber spätestens seit Albertville 1992 weiß man, dass sie für stimmungsvolle, zuschauer- und athletenfreundliche Olympische Winterspiele nicht geeignet sind. Die erschreckend hässlichen Skiorte liegen zu hoch, die Städte zu tief, die Entfernungen sind zu groß, die Straßen zu eng. Dies ist nicht Franzosen und Italienern vorzuwerfen, sondern der Geographie, die das Gebirge dort mit einer vom Menschen kaum auszugleichenden Unwirtlichkeit gestraft hat.

Kein Vergleich mit den ungleich intensiver besiedelten Gebieten in östlicheren Teilen des Alpenbogens ist zulässig. Berner Oberland, Engadin, Tirol, Südtirol, deutscher Alpennordkamm, Salzburger Land: Überall da haben Besiedlung, traditioneller Tourismus und Wintersport völlig andere Spuren hinterlassen und dem Gebirge zusammenhängende Gebiete abgerungen, die vom Menschen seit Jahrhunderten zum Wohnen und Arbeiten benutzt wurden und somit etwas besitzen, was man den hochgelegenen Westalpen zumindest zu großen Teilen absprechen muss: Leben.

Für eine fernsehtaugliche Langlaufloipe und ein paar attraktive Pisten reicht das Hochgebirge allemal, aber eine symbiotische Verbindung von Region und Wettkampfort ist an den Pässen der Westalpen nahezu unmöglich. Wer sollte sie auch wollen? Die zwölf Einheimischen?

Die Sportarten

Snowboard und Freestyle Skiing liegen im Trend und ziehen ein spektakelfreudiges Publikum an. Das ist schön für die Organisatoren, ändert aber nicht viel daran, dass die meisten Wettkämpfe auf Zufällen und Kampfrichternoten basieren. Der Parallelriesenslalom der Boarder soll hiervon eindeutig ausgenommen werden, denn natürlich muss man bei den Winterspielen die besten Snowboardfahrer der Welt ermitteln.

Curling ist ein hübsches Mannschaftsspiel mit taktischen Finessen und viel Maßarbeit, mit dem man Fernsehlöcher füllen kann.

Short Track ist eine in der Quantität der Wettbewerbe nicht zu akzeptierende Metzelei, bei der offenbar immer die gleichen Läufer Favorit sind, wie lang die Strecke auch sein mag. Der Favorit siegt dann auch, solange sich niemand findet, der ihn in die Zuschauerränge schubst, damit ein Australier gewinnen kann.

Eisschnelllauf hat zweifellos einen eigenen olympischen Reiz, der darin besteht, dass kein schwer zu durchschauender Mehrkampf ausgetragen wird, sondern pro Geschlecht fünf Einzelstrecken gelaufen werden. Die Vielfalt der Sieger und die Vielfalt der Kräfteeinteilungen pro Strecke machen den Sport zu einem der Sieger von Turin 2006, zumal die neuen Mannschaftsrennen ihren eigenen, den Radsportfreunden schon bekannten Reiz haben und zwei Gastgebersiege (eine Goldmedaille mehr als die Eischnelllauf-Großmacht Deutschland!) für Stimmung sorgten.

Eiskunstlauf bringt den Winterspielen traditionell ein besonderes künstlerisches Flair. Nach dem Paarlauf-Skandal von 2002 wurde die Bewertung völlig revolutioniert, was dem interessierten Laien zwar die Nachvollziehbarkeit der Zahlenwerte verbietet, aber offensichtlich zu fairen Resultaten führt.

Eishockey (der Männer) lebt seit 1998 von der Teilnahme der NHL-Spieler. Die im Schnitt bestbezahlten Teilnehmer der Spieler dabei zu beobachten, wie sie ihre individuellen Fähigkeiten einem Team zur Verfügung stellen, um sich einen rein sportlichen Traum zu erfüllen, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist, gehört zu den reizvollsten Konstellationen der Winterspiele. Leider gibt es ernstzunehmende Gerüchte, dass sich die NHL nach ihrem Heimspiel in Vancouver 2010 wieder aus der Olympischen Bewegung zurückziehen wird, da den Klubs die personellen Verluste durch Verletzungen und Stress zu hoch werden.

Rennschlitten, Bob und Skeleton sind eine Freude für reiche Nationen, die sich Profisport und Technikkrieg auch in Randsportarten leisten können. Den einzelnen Spitzensportlern ist Respekt ebenso gewiss wie das Verständnis allen Zuschauern, die keine Unterschiede in der Fahrt erkennen können und ahnungslos auf die Zwischenzeiten starren, mit deren Hilfe man erkennen kann, welcher Schlitten die besten Kufen hat.

Skispringen gehört zu den Traditionssportarten bei Olympia, unterliegt aber derzeit im Weltcup einer ewigen Gleichmacherei durch immer wieder geforderte „moderne“ Schanzenprofile. Die bei Großereignissen gesprungene Normalschanze ist im Weltcup nicht mehr anzutreffen und erscheint dadurch als kaum repräsentative Medaillenversorgung von zufällig anwesenden Springern. Der richtige Weg für das Skispringen wäre nicht die Streichung der Normalschanze, sondern ihre Rückkehr in den Weltcup.

Die Nordische Kombination muss, genau wie das Skispringen, ihren Wert auf eine Unterscheidbarkeit der beiden Einzelwettkämpfe legen. Tendenziell ist es richtig, den Sprint den guten Springern (mit einem Sprung von der Großschanze) und die Gundersen (mit zwei Sprüngen von der Normalschanze) den guten Läufern zu widmen. Dieser Effekt wird aber sofort zunichte gemacht, wenn die Laufstrecken zu schwer werden und nur noch die Tagesform in der Loipe entscheidet.
Dennoch: Die Kombinierer boten spannende und faire Wettkämpfe in Turin, wenn man davon absieht, dass letztendlich bei beiden Einzelwettkämpfen die gleichen Leute vorn waren.

Der Langlauf war sportlich der große Verlierer der Spiele von Turin. Seit es die Sprintwettbewerbe gibt, sollte man glauben, dass die Gier des Publikums nach Head-To-Head-Entscheidungen befriedigt sein müsste, die Veranstalter aber scheinen davon nicht genug zu bekommen. Letztendlich blieb pro Geschlecht nur ein traditioneller Skilanglauf gegen die Uhr übrig. Nimmt man die traditionell ausgetragene Staffel hinzu, haben wir also gerade mal vier Langläufe gesehen, bei denen es nicht nur darauf ankam, sich so lange wie möglich für den letzten Kilometer zu schonen.
Die Sprints, denen die Existenzberechtigung keinesfalls abgesprochen werden soll, haben ihren Reiz und ihre eigene Ästhetik, aber im eigentlichen „Lang“lauf muss die FIS schnellstens aufhören, sich durch kurze Runden und Massenstarts bei einem Publikum anzubiedern, das es dafür hoffentlich gar nicht gibt.

Im Biathlon holten die Deutschen fast die Hälfte ihrer 11 Goldmedaillen von Turin, was uns daran erinnern sollte, dass dieser Sport nicht überall in der Wintersportwelt den Status hat, den er hierzulande, in Norwegen und weiten Teilen Osteuropas genießt. In Turin sorgte Biathlon für den einzigen Olympiasieg, der eindeutig auf Wetterglück basierte, darüber hinaus aber auch für einige hochspannende und hochklassige Wettkämpfe. Nach wie vor inakzeptabel ist allerdings die doppelte Wertigkeit des Sprintwettbewerbs, der sowohl eine eigene Medaille als auch die Ausgangsposition für eine weitere Disziplin generiert. Auch die Verkürzung der Laufstrecke in der Damenstaffel, die die großen Nationen einbremsen sollte, hat keinen Effekt gezeitigt, allerdings auch kaum geschadet.
Ähnlich wie bei Springen und Kombination gibt es auch beim Biathlon innerhalb der Sportart keine allzu entscheidenden Spezialisierungen der Sportler, wodurch auch hier ein paar Medaillen zu viel an immer wieder die gleichen Sportler vergeben werden. Ohne Verfolgung könnte man aber dennoch von einem idealen Olympiaprogramm sprechen.

Der Alpine Skisport kam im bewährten Gewande daher, wobei die größten Regel- und Fairness-Diskussionen traditionell bei der Alpinen Kombination stattfinden, die derzeit die Technik- gegenüber den Speed-Spezialisten bevorzugt. Hier hat der Weltcup mit der Super-Kombination (je ein Lauf) bereits den richtigen Weg aufgezeigt. Möglicherweise werden wir eines Tages auch noch das heitere Mannschaftsfahren, das wir aus Bormio kennen, bei Olympia beklatschen dürfen. Es gäbe Schlimmeres.

Fazit

Die Wettkämpfe von Turin 2006 haben größtenteils unter fairen Bedingungen auf guten Anlagen stattgefunden und somit auch verdiente Sieger gefunden, die sich ein Leben lang über ihre Erfolge freuen dürfen.

Dabei bleibt ein etwas lauer Beigeschmack durch schlechtes Wetter, leere Zuschauerränge, Baugruben und eine Berichterstattung, die zumindest in den medialen Branchenführern abwechselnd unwissend, national, desinteressiert oder boulevardesk daherkam.

Eine Beurteilung einzelner Nationen soll es an dieser Stelle nicht geben, zu sehr sind Olympische Spiele mittlerweile eine Momentaufnahme mitten im Weltcupwinter. Wer wollte den Finnen (kein Gold) den Norwegern (nur 2x Gold nach Dominanz 2002) oder den Slowenen (keine Medaille) ernsthaft vorwerfen, sie seien keine wichtigen Wintersportnationen mehr und sollten sich ein Beispiel an Südkorea (erfolgreichster Einzelsportler in Turin) oder Kroatien (Familie Kostelic) nehmen?
Auch die angestrengte Medaillenzählerei in den deutschen Medien schreckt ein wenig vor „Analysen“ auf dem Gebiet der Podiumplätze ab.

Gott sei Dank sind es aber eher die großen Momente der Spiele, die im Bewusstsein des Wintersportfans bleiben werden: Die überragende Abfahrt des Antoine Deneriaz, das nicht für möglich gehaltene Aufrufen der Reserven des Außenseiters Georg Hettich in der Nordischen Kombination, der fliegende Björn Lind im Klassik-Sprint, das dominante österreichische Duell um Gold auf der Großschanze zwischen Andreas Kofler und Thomas Morgenstern, das Ausschalten der favorisierten Kanadier durch wiedererstarkte Russen in einem denkwürdigen Eishockey-Viertelfinale, die Flucht und das Ankommen der italienischen Langlaufstaffel, die unglaubliche Rückkehr des alten Kjetil-Andre Aamodt, die letzte Runde des Enrico Fabris über 1500m, die Emotionen der alten Schweden nach ihrem reservierten, aber klugen Eishockey-Turnier, die Harakiri-Fahrt des Ted Ligety zum Sieg in der Alpinen Kombination und - denn damit wurden die Olympischen Spiele für den Verfasser gerettet - das Gold der Deutschen in ihrer vielleicht heiligsten Disziplin, der Biathlon-Männerstaffel.

Turin war in Ordnung, schön war es nicht.

Vancouver kann kommen.

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