Pavel Tonkov - Eine Karriere

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Pavel Tonkov - Eine Karriere

Beitrag: # 321887Beitrag Escartin
8.12.2005 - 19:58

Teil I: Aufstieg in die Weltspitze

Im Alter von 36 Jahren beendet mit Pavel Tonkov einer der besten Rundfahrer der letzten Dekade seine Karriere. Seine größten Erfolge feierte der Russe zweifellos beim Giro d’Italia, aber in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre musste er bei allen Rundfahrten zu den Siegesanwärtern gezählt werden. Und tatsächlich konnte er bei fast allen bedeutenden Rundfahrten zumindest auf das Podium steigen – außer bei der Tour de France. Die große Schleife durch Frankreich nahm Tonkov nur dreimal in Angriff und gab bei jeder Teilnahme auf. Mehr als achtbare Etappenplatzierungen gab es für ihn in Frankreich nicht zu holen, ein Makel in seiner ansonsten herausragenden Bilanz bei Rundfahrten mit Hochgebirgsetappen. Da Tonkov den größten Teil seiner Karriere für italienische Teams fuhr, war seine Saisonplanung ohnehin häufig auf den Giro ausgerichtet, sodass die Girolastigkeit seiner Palmares nur folgerichtig ist.

Tonkov feierte seinen ersten großen Sieg bereits mit 18 Jahren, als er in Bergamo Junioren-Weltmeister werden konnte. Neben Visentini, LeMond und Cunego gehört Tonkov zu den erfolgreichsten Trägern dieses Titels. Auch in seiner Amateurzeit reihte Tonkov Erfolg an Erfolg und sammelte 110 Siege, unter anderem auch bei der Friedensfahrt.

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Junioren-Weltmeister in Bergamo

1992 wurde Tonkov Profi im Lampre-Team von Giuseppe Saronni. Saisonhöhepunkt des nicht zur Tour eingeladenen Teams war der Giro, bei dem auch Tonkov an den Start ging. Und der Russe schlüpfte in seinem eher kleinen Team schnell in die Rolle des Kapitäns. Zwar konnte er sich auf einzelnen Etappen nie besser als auf Rang sechs klassieren, den er beim Etappensieg von Udo Bölts in Pila erreichte, doch konstant gute Leistungen bei den Bergetappen der zweiten Girohälfte brachten den Debütanten in der Gesamtwertung auf den siebten Rang, 17 Minuten hinter dem ungefährdeten Girosieger Indurain, der in diesem Jahr sein erstes Double gewann und eine Phase ausländischer Siege bei der Italienrundfahrt einleitete.
Gegen Ende der Saison bestätigte Tonkov seine starken Leistungen vom Giro und zeigte, dass in Zukunft mit ihm zu rechnen sein würde. So wurde er Zehnter beim von Bugno gewonnen Giro dell’Emilia in Bologna und belegte Rang 14 bei der von sehr schlechtem Wetter geprägten Lombardei-Rundfahrt, die Tony Rominger für sich entscheiden konnte. Auch über lange Distanzen konnte der 23-jährige Russe also bereits mithalten.

Auch 1993 startete Tonkov für Lampre, das durch die Verpflichtung von Fondriest und Abdoushaparov stark an Qualität gewonnen hatte. Während Fondriest in Frühjahr von Sieg zu Sieg eilte, bereitete sich der Russe gezielt auf den Giro vor und deutete mit einem neunten Platz bei der Tour de Romandie an, dass er erneut zu den Anwärtern auf eine vordere Platzierung gehörte. Lampre ging mit drei Anwärtern auf die Gesamtwertung in den Giro, denn neben Fondriest und Tonkov hatte auch der ehemalige Baby-Giro-Sieger Belli in der Vorbereitung eine starke Form gezeigt. Nachdem Fondriest in der ersten Woche eine Etappe gewinnen konnte und zeitweilig nur knapp hinter dem rosa Trikot lag, legte Tonkov den Grundstein für eine hervorragende Gesamtplatzierung auf der vierzehnten Etappe rund um Corvara. Eine sechs Fahrer starke Gruppe um Indurain und Chiappucci fuhr mehr als drei Minuten auf die nächsten Verfolger heraus, wovon besonders Tonkov als Etappenvierter profitierte. Während Indurain die Gesamtführung übernahm, konnte Tonkov nun sogar mit dem Podium liebäugeln. Diese Hoffnung erfüllte sich für ihn zwar nicht, doch nachdem er auch die letzte Bergankunft in Oropa, bei der Indurains Sieg durch den Angriff des Letten Ugrumov noch einmal in Gefahr geriet, mit einem neunten Platz gut überstanden hatte, kam er als hervorragender Fünfter in Mailand an. Sieben Minuten Rückstand auf Indurain und weniger als zwei Minuten auf den drittplatzierten Chiappucci, dazu mit Lampre Sieger in der Teamwertung, Tonkov konnte auf einen sehr erfreulichen Giro zurückblicken. Was ihm jedoch noch fehlte, war ein Profisieg.
Den holte sich der Russe nur kurz nach dem Ende des Giro, bei der Tour de Suisse. Tonkov gewann die vierte Etappe nach Vevey vor Marco Saligari, der damit das Führungstrikot übernahm, das er bis zum Ende der Rundfahrt nicht mehr abgeben sollte. Im weiteren Verlauf des Rennens belegte Tonkov noch die Etappenränge zwei beim Zeitfahren nach Bamberg und drei bei der Bergankunft in Issone. Am Ende der Rundfahrt in Zürich standen für ihn der vierte Gesamtrang und der Sieg in der Bergwertung zu Buche. Dass der Vierundzwanzigjährige danach keine weiteren Erfolge mehr herausfuhr, war gut zu verstehen, immerhin hatte er innerhalb von acht Wochen drei schwere Rundfahrten im Vorderfeld beendet.

Im Jahr 1994 ging Tonkov wieder für Lampre, das in dieser Saison von Panaria als Co-Sponsor unterstützt wurde, an den Start. Erneut setzte sich der Russe den Giro zum Saisonziel und wählte in der Vorbereitung den Weg über die Tour de Romandie. Die westschweizer Rundfahrt wurde wie im Vorjahr von Pascal Richard gewonnen, während Tonkov sich als Achtplatzierter als Mitfavorit für den Giro ausweisen konnte.
Tonkov ging in diesem Jahr als klarer Kapitän seines Teams in den Giro, doch zeigte sich schnell, dass ein anderer Russe zum Star dieses Giro werden würde. Der junge Evgeni Berzin, der im April bereits bei Lüttich-Bastogne-Lüttich triumphiert hatte, übernahm das rosa Trikot bereits nach der vierten Etappe und zog es bis Mailand nicht mehr aus. Er gewann den Giro mit drei Etappensiegen und demontierte Indurain, der am Ende noch Dritter wurde, in den Zeitfahren regelrecht. Zudem schob sich Pantani mit zwei Etappensiegen und dem zweiten Gesamtrang erstmals ins Rampenlicht. Im Schatten dieser fesselnden Ereignisse fuhr Tonkov einen soliden aber unspektakulären Giro. Er klassierte sich mehrfach in den Top10, kam jedoch nie in die Nähe eines Etappensieges. Dafür konnte er seine Vorjahresplatzierung noch einmal verbessern und wurde Gesamtvierter, allerdings fast acht Minuten hinter dem drittplatzierten Indurain. Auch für Tonkov schossen die Bäume also nicht in den Himmel.
Ähnlich wie im Vorjahr konnte er seine starke Form aus dem Giro in den Juni hinein halten, in diesem Jahr stand für ihn die Rundfahrt Midi Libre in Südfrankreich auf dem Programm, bei der er als stärkster Fahrer des Feldes eine Etappe gewann und Gesamtzweiter hinter seinem Teamkollegen Svorada wurde, der als Ausreißer auf einer Flachetappe viele Minuten Vorsprung herausgefahren hatte.
Erstmals nahm Tonkov in diesem Jahr auch die Tour de France in Angriff und zeigte sich auch in den französischen Bergen gut aufgelegt. Nach zwei starken Pyrenäenetappen, in Lourdes-Hautacam konnte er Rang sechs herausfahren, lag er zeitweilig auf Platz elf der Gesamtwertung, musste dann aber noch vor den Alpen aufgeben. Dennoch hatte er angedeutet, dass er auch bei anderen großen Rundfahrten bestehen konnte, sodass die Saison für ihn zwar keinen großen Fortschritt, aber zumindest eine Bestätigung seiner Vorjahresleistung brachte.

Im Jahr 1995 sollte Tonkov der endgültige Durchbruch gelingen. Wiederum ging er für Lampre-Panaria an den Start, wieder war der Giro sein großes Saisonziel. Seine starke Form im Vorfeld dieses Rennens dokumentierte er als Viertplatzierter des Giro del Trentino, sowie mit Rang neun bei der Tour de Romandie. Allerdings hatte sich in der Schweiz vor allem Lokalmatador Rominger mit drei Etappenerfolgen und dem Gesamtsieg in die Favoritenposition für den Giro gefahren.
Und Rominger kam nicht als Kardinal aus dem Konzil namens Giro, durch eine Zeitfahrdominanz im Stile Indurains konnte er den Giro früh zu seinen Gunsten entscheiden und sich in den Bergen auf die Verteidigung beschränken, zumal das Gewiss-Duo Berzin/Ugrumov sich eher schadete als half und so zu dem Beispiel schlechthin für gescheiterte Doppelspitzen wurde.
Tonkov war als Neunter des Zeitfahrens der zweiten Etappe gut in den Giro gestartet, büßte jedoch im zweiten Zeitfahren sowie den Bergetappen im Mittelteil des Rennens an Boden ein. Zwar fuhr er eine starke Schlusswoche mit den Etappenplatzierungen fünf, sieben und vier, doch reichte diese nur noch für den leicht enttäuschenden sechsten Platz, elfeinhalb Minuten hinter Rominger. Aber selbst mit einer stärkeren zweiten Woche hätte es dem Russen nur zu Position vier gereicht, erneut zeigte sich, dass zu den Podiumsplätzen noch etwas fehlte. Doch hatte der Russe sein bestes Radfahreralter noch vor sich, und bis zur endgültigen Entfaltung seines Potentials sollte es nicht mehr lange dauern. Im Grunde nur eine Woche. Denn so lang war die Pause zwischen dem Ende des Giro und dem Start der Tour de Suisse. Und diese nutzte Tonkov, um endgültig ins internationale Rampenlicht zu fahren. Die erste Hälfte des Rennens gehörte dem Schweizer Zülle, der im Prolog das gelbe Trikot eroberte und dies auf den ersten Flachetappen, von denen Erik Zabel zwei gewinnen konnte, problemlos verteidigte. Am sechsten Tag stand ein schweres Einzelzeitfahren zur Schwagalp auf dem Programm, das ebenfalls von Zülle gewonnen wurde, Tonkov verlor als Etappendritter 1:21 Minuten. Doch die große Stunde des Russen schlug zwei Tage später. Zwanzig Kilometer vor dem Ziel in La Punt attackierte er in den Rampen des Albulapasses unwiderstehlich und nahm Zülle noch fast zwei Minuten sowie das gelbe Trikot ab. Dreizehn Sekunden lag er jetzt vor dem Schweizer, während alle weiteren Fahrer bereits fünf und mehr Minuten zurücklagen. Kein großes Polster für den schweren Weg nach Flumserberg und tatsächlich geriet der Sieg Tonkovs noch einmal in Gefahr. Doch der Russe verlor ganze zwei Sekunden gegenüber Zülle, sodass sein Sieg am Vorabend der Schlussetappe nach Zürich feststand. Ungefährdet überstand er auch diese letzte Etappe und durfte seinen ersten ganz großen Sieg feiern - es sollte sich zeigen, dass mit diesem knappen Erfolg ein Knoten geplatzt war.

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Der Durchbruch: Sieg bei der Tour de Suisse

Die beiden Konkurrenten aus der Schweiz sollten sich schnell wieder treffen: Beide gingen an den Start der Tour de France. Und während Zülle sich hervorragend präsentierte, eine Etappe gewann und Gesamtzweiter wurde, reichte bei Tonkov die Luft nicht mehr für drei Wochen. Wieder zeigte er im ersten Gebirge, in diesem Jahr den Alpen, eine starke Leistung, stand in La Plagne gar als Dritter auf dem Etappenpodium, und lag zwischenzeitlich auf dem achten Rang der Gesamtwertung, doch erneut beendete er das Rennen nicht. Nachdem er im Zentralmassiv bereits deutlich an Terrain verloren hatte, gab er das Rennen auf der dreizehnten Etappe auf.
Trotz dieser Aufgabe eine sehr erfolgreiche Saison für Tonkov, in der ein vierzehnter Platz bei der Lombardei-Rundfahrt kaum erwähnt werden muss, verblasst er doch vor der Qualität seiner sonstigen Ergebnisse. Es wurde Zeit für ein GT-Podium. Und Tonkov hatte, wie er selbst sagte, zum ersten Mal den Geschmack des Sieges gekostet.
"Wittgenstein pondered what time it could be on the sun (it was a nonsensical question, he concluded)." - The Economist

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Beitrag: # 322247Beitrag Escartin
11.12.2005 - 11:53

Teil II: Drei große Jahre

Es muss ein angenehmer Geschmack sein, denn Tonkov wollte mehr davon. Er fuhr auch 1996 im gleichen Team wie in den Vorjahren, auch wenn Lampre sich zurückgezogen hatte. Die Mannschaft fuhr nun in den Farben von Panaria und ohne Fondriest, sodass Tonkov jetzt endgültig als Teamkapitän angesehen werden musste.
Erneut ließ der Russe seine Klasse in der Vorbereitung auf den Giro erstmals aufblitzen: Beim Giro dell’Apennino im April fuhr Tonkov zusammen mit seinem Teamkollegen Belli etwa zwei Minuten auf die ersten Verfolger heraus und überließ diesem im Ziel den Sieg. Bei der Tour de Romandie war es dann Tonkov, der die zweite Etappe gewann. Kurz darauf verließ er jedoch das Rennen, eine kluge Entscheidung, wie der Giro zeigen sollte. Die Italienrundfahrt begann in diesem Jahr in Athen und da sowohl Rominger als auch Indurain fehlten, galt Berzin als Topfavorit. Auch mit Weltmeister Olano, Routinier Ugrumov und Tonkov wurde gerechnet. Die ersten Tage gehörten den Sprintern, die sich mit den Siegen munter abwechselten, doch als es bei der siebten Etappe galt, den Monte Sirino zu erklettern, waren ihre Tage gezählt. Bei dieser vergleichsweise leichten Bergankunft ergriff Tonkov bereits die Initiative, setzte sich mit Faustini und Rebellin von den anderen Favoriten ab und musste sich im Ziel nur letzterem geschlagen geben. Zwar lagen nur wenige Sekunden zwischen den Favoriten, doch Tonkov hatte ein erstes Zeichen gesetzt und lag nur vier Sekunden hinter Rebellin auf dem zweiten Rang der Gesamtwertung. Noch einmal kehrte nach dieser Etappe Ruhe im Feld ein, denn die ganz großen Berge sollten erst in der letzten Woche folgen. Zwölf Etappen waren bereits gefahren, doch noch immer lagen 14 Fahrer innerhalb einer Minute hinter dem führenden Rebellin. Die nächste Prüfung stand auf der dreizehnten Etappe mit der Bergankunft in Pratonevoso an. Und wieder bestand Tonkov sie glänzend. Drei Kilometer vor dem Ziel trat er an, ließ die Gruppe der Favoriten auseinanderfliegen und machte sich auf, seinen ersten Etappensieg beim Giro zu erringen. Nur Ugrumov konnte ihm annähernd Paroli bieten, alle anderen Fahrer mussten die Überlegenheit Tonkovs an diesem Tag anerkennen. Letztlich musste dies auch Ugrumov, der seinen Rückstand auf winzige zwei Sekunden begrenzen konnte und nun den zweiten Rang der Gesamtwertung einnahm – hinter Tonkov, der an diesem triumphalen Tag auch das rosa Trikot überstreifen durfte. Doch der Giro hatte jetzt erst richtig begonnen. Am folgenden Tag ging es über den Izoard nach Briancon, doch trotz einiger Angriffe, unter anderem von Gotti, konnte Tonkov sein Trikot mühelos verteidigen, zeitgleich mit seinen Hauptkonkurrenten erreichte er das Ziel.

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Im Maglia Rosa

Drei eher flache Tage verbrachte Tonkov weitgehend ruhig, ehe der Giro mit einem extrem schweren Finale seinen Höhepunkt erreichte. Auf der 19. der in diesem Jahr 22 Etappen stand zwischen Vicenza und Marostica das einzige Zeitfahren auf dem Programm, das mit 62km dementsprechend lang ausfiel. Reichlich Gelegenheit für die Zeitfahrspezialisten Berzin und Olano, verlorenes Terrain gutzumachen. Und sie nutzten ihre Chance. So wurde diese Etappe in doppeltem Sinne zum Sekundenspiel. Den Tagessieg errang Berzin mit exakt einer Sekunde Vorsprung auf Weltmeister Olano, Tonkov lag auf Platz vier 1:27 zurück. Damit verteidigte er das rosa Trikot mit wiederum einer Sekunde vor Olano. Er durfte sich damit als Sieger fühlen, zumal er den bisherigen Hauptkonkurrenten Ugrumov und Zaina kräftig Zeit abgenommen hatte. Doch eben diese beiden sollten ihre Chance an den beiden folgenden Tagen erhalten: Zuerst bei der Bergankunft am Pordoi, dann auf der mit Gavia und Mortirolo gespickten Etappe nach Aprica. Die perfekte Bühne für das dramatische Finale. Die zwanzigste Etappe nutzte Zaina, um sich wieder ins Geschäft zu bringen, er gewann am Pordoi mit 47 Sekunden Vorsprung auf Gotti. Berzin dagegen erlebte einen regelrechten Einbruch, verlor viereinhalb Minuten und fiel auf Platz sieben zurück. Tonkov erreichte das Ziel gemeinsam mit Olano und Ugrumov, doch auf den letzten Metern brach das Quartett mit Bugno noch auseinander. Sowohl Tonkov als auch Ugrumov verloren den Anschluss an Olano, der mit wenigen Metern Vorsprung auf Tonkov das Ziel erreichte. Eine Sekunde bekam er schließlich gegenüber dem Russen gutgeschrieben, eine Sekunde, die reichte, die Gesamtführung mit 46/100 zu übernehmen. Insgesamt konnten sich zwei Tage vor dem Ende noch vier Fahrer Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen:

1. Abraham Olano (Spa) Mapei-GB 92.42.07
2. Pavel Tonkov (Rus) Panaria-Vinavil s.t. (+ 46/100 sec)
3. Enrico Zaina (Ita) Carrera + 1.41
4. Piotr Ugrumov (Rus) Roslotto-ZG + 2.02

Die vorletzte Etappe musste die Entscheidung bringen – so oder so. Nachdem das Rennen am Gavia noch in ruhigen Bahnen verlaufen war, begann die Schlacht am Mortirolo, als Zaina das Tempo forcierte. Neben dem völlig einbrechenden Berzin wurde auch Olano zu einem Opfer dieser Tempoverschärfung, der nur Gotti, Ugrumov und Tonkov folgen konnten. Auf sich allein gestellt kämpfte der Spanier an fünfter Stelle einen verzweifelten Kampf um den Girosieg, ja, sogar seine Podiumsplatzierung geriet noch einmal in Gefahr. Doch auch das Spitzenquartett erreichte das Ziel nicht gemeinsam, denn Gotti, der als etatmäßiger Edelhelfer Berzins plötzlich auch noch Chancen auf das Podium hatte, forcierte das Tempo drei Kilometer vor dem Gipfel noch einmal. Und nur Tonkov konnte das Hinterrad des Italieners halten. Damit war die Entscheidung des Giro gefallen. Gotti und Tonkov bildeten auf den letzten Kilometern zum Ziel ein gut funktionierendes Duett und konnten ihren Vorsprung kontinuierlich ausbauen. Nach 250km und fast acht Stunden Fahrzeit überließ Tonkov seinem Partner den Etappensieg in Aprica kampflos, hatte er doch mit dem Girosieg einen noch viel größeren Erfolg erreicht. Eine Minute Vorsprung gegenüber Zaina und Ugrumov und fast drei Minuten auf Olano, der immerhin noch Platz drei in der Gesamtwertung hinter Zaina belegte, waren die Bilanz dieser monumentalen Etappe. Nach der zwischenzeitlichen Schwäche am Vortag hatte Tonkov also großartig zurückgeschlagen und durfte sich als verdienter Girosieger fühlen. Die Schlussetappe nach Mailand beendete er an sicherer 32. Stelle, womit der Gesamtsieg endgültig gesichert war.

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Die beiden Rivalen auf dem Podium in Mailand

Nach vier Platzierungen in der Nähe des Podiums jetzt also der Sprung auf dessen oberste Stufe: Tonkov war endgültig in der ersten Reihe seines Sports angekommen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er im weiteren Verlauf des Jahres keine weiteren Großtaten folgen ließ, sein einundfünfzigster Platz bei den olympischen Spielen in Atlanta steht beispielhaft für den weiteren Verlauf von Tonkovs Saison. Dass er sich dennoch zur Creme seines Fachs zählen durfte, zeigten die Vertragsverhandlungen für das nächste Jahr.

Zum Jahr 1997 „fusionierte“ das Lampre-Team mit Mapei. Der Sponsor Lampre zog sich nämlich zurück und Teamchef Algeri und Kapitän Tonkov wechselten mit einer ganzen Entourage von Fahrern zu Mapei, das wiederum die Abgänge wichtiger Fahrer wie Rominger und Olano kompensieren musste. Tonkov wurde also zum neuen Kapitän für die großen Rundfahrten, doch lag die Last in diesem Team dennoch auf mehreren Schultern, standen bei Mapei doch herausragende Eintagesfahrer unter Vertrag, so Weltmeister Museeuw oder die Italiener Ballerini und Tafi. Das ambitionierte Team erwartete von Tonkov nicht weniger als den Girosieg. In der Vorbereitung wurde Tonkov durch eine Fraktur des Mittelhandknochens zurückgeworfen, kam aber dennoch bereits im April in große Form. Den Giro del Trentino beendete er als Zweiter hinter Luc Leblanc, aber vor Gotti, Pantani und Zaina. Diese hervorragende Leistung war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Erfolgen, die dieses Jahr zum wohl erfolgreichsten in der Karriere Tonkovs machen sollte. Fünf Tage später nahm er, seinem traditionellen Vorbereitungsprogramm folgend, die Tour de Romandie in Angriff. Das Rennen sollte sich in diesem Jahr bei der Bergankunft nach Veysonnaz entscheiden, die auf der vierten Etappe anstand, vorher hatte es noch keine das Gesamtklassement betreffenden Verschiebungen gegeben. Diesen Schlussanstieg nutzte Tonkov zu einer Demonstration seiner Stärke. Sechs Kilometer vor dem Ziel verschärfte er unwiderstehlich das Tempo und gewann die Etappe mit mehr als 30 Sekunden Vorsprung auf seine ersten Verfolger. Damit war das Rennen praktisch entschieden, denn der bisher führende Zeitfahrspezialist Boardman war um zwei Minuten zurückgefallen. Zuviel für den Briten, der sich durch den Sieg im Abschlusszeitfahren aber immerhin noch auf Platz zwei schieben konnte. Eine Gefahr für Tonkov, der dieses Zeitfahren als Achtplatzierter beendete, stellte er jedoch nicht dar. Vielmehr gewann dieser damit zum dritten Mal in seiner Karriere eine bedeutende Rundfahrt und schien perfekt vorbereitet für den Giro, zumal seine potentiellen Konkurrenten nicht den stärksten Eindruck machten, Ivan Gotti etwa beendete die Romandie-Rundfahrt als enttäuschender 16.
Der Giro begann mit einer flachen Etappe rund um Venedig, eine Chance, die sich Mario Cipollini nicht entgehen ließ, er gewann die Etappe im Massensprint. Bereits auf der dritten Etappe hatten die Organisatoren einen ersten Prüfstein für die Favoriten in den Kurs eingebaut, ein 18 Kilometer langes Zeitfahren nach San Marino, das mit einem sieben Kilometer langen Anstieg endete. Und an diesem Anstieg zeigte Tonkov, dass er seine Form konserviert hatte. Nach dem Flachstück lag er noch an dritter Stelle, doch im Schlussaufstieg deklassierte er die Konkurrenz buchstäblich und gewann die Etappe mit 21 Sekunden Vorsprung auf Berzin. Damit durfte er sich erneut das rosa Trikot überstreifen. Nur zwei Tage später wartete mit der Bergankunft am Terminillo das nächste große Hindernis. Und bereits auf dieser fünften Etappe fiel die Vorentscheidung des Giro. Berzin brach völlig ein und verlor mehr als fünf Minuten, aber auch Tonkovs Vorjahresgegner Ugrumov und Zaina büßten mehr als zweieinhalb Minuten ein. Derweil gewann Tonkov im Spurt einer fünfköpfigen Gruppe seine zweite Etappe innerhalb kürzester Zeit. Damit hatte er die Zahl seiner Gegner bereits nach fünf Etappen auf drei reduziert, denn als potentielle Gefahr kamen nur noch Gotti, Pantani und Leblanc in Frage, die den Terminillo zeitgleich mit Tonkov erreichten. Doch lag Leblanc als Gesamtzweiter bereits 41 Sekunden zurück.

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Tonkov und Pantani im Aufstieg zum Terminillo

An dieser Situation änderte sich bis zur achten Etappe nichts. Auch diese von Ausreißern dominierte Flachetappe hätte nichts am Stand des Rennens geändert, wäre Pantani nicht durch einen Sturz zur Aufgabe gezwungen worden. Eine Katze war dem Bergspezialisten aus Cesenatico ins Rad gelaufen. Während Radsport-Italien damit fast alle Hoffnung auf den ersten italienischen Girosieg seit Chiocciolis Triumph 1991 verlor, verbrachte Tonkov auf den Flachetappen, mit denen man sich den Alpen näherte, relativ ruhige Tage. So gab es bis zum Ende der dreizehnten Etappe keine weiteren Veränderungen in der Gesamtwertung. Dafür sollten diese jetzt umso gravierender kommen, denn es standen noch vier schwere Bergetappen und ein langes Zeitfahren auf dem Programm.
Die vierzehnte Etappe führte in das von der Natur benachteiligte Matterhorndorf Cervinia, zeigt der berühmte Berg seine Schokoladenseite doch allein den Zermattern. Insgesamt drei Anstiege hatten die Fahrer auf dieser schweren Etappe zu bewältigen. Den ersten Berg überquerte Paolo Savoldelli als erster, der junge Italiener sollte diesen Giro als dreizehnter beenden und andeuten, welch große Rolle er in der Zukunft des Giro spielen würde. Tonkov hatte im Vorfeld zu erkennen gegeben, dass er Leblanc für seinen schärfsten Konkurrenten hielt, folgerichtig konzentrierte er sich während der Etappe hauptsächlich auf den Franzosen. Dies war wohl auch der Grund, warum er den Angriff Gottis unterschätzte, was sich als fataler Fehler erweisen sollte. Bis auf zwei Minuten ließ Tonkov den Italiener entkommen, eher er sich im Schlussaufstieg schließlich gezwungen sah, das Tempo zu forcieren. Und siehe da: Leblanc hatte nichts entgegenzusetzen und fiel deutlich zurück. Immerhin konnte Tonkov durch seine Tempoverschärfung noch etwas Zeit auf Gotti gutmachen, doch 1:46 Rückstand im Ziel konnte er nicht mehr verhindern. Gotti übernahm das rosa Trikot, doch Tonkov kündigte an, kämpfen zu wollen. Der Giro stand vor einem Duell in der letzten Woche. Der nächste Akt sollte beim Zeitfahren der 18. Etappe gespielt werden. Und Tonkov musste sich als vom Glück verlassen erkennen. Kurz vor dem Start untersagte man ihm die Benutzung seines Spezialrades, mit dem er noch bei der Romandie gestartet war, sodass er auf einer Ersatzmaschine ins Rennen gehen musste. Derart gehandicapt wurde Tonkov nur enttäuschender Etappensiebter und konnte nicht mehr als 14 Sekunden auf seinen Kontrahenten gutmachen. Die Trümpfe lagen nun bei Gotti. Die nächste Etappe führte über sechs Pässe nach Falzes, in den Ort von Cunegos großem Triumph im Jahr 2004. In der Abfahrt des Campolongo, des vierten Anstiegs des Tages kam Tonkov zu Fall, doch der faire Gotti wartete auf den Rivalen, sodass dieser bald in die Gruppe der Favoriten zurückkehrte. Als jedoch Guerini im Aufstieg zum Furcia attackierte und Gotti konterte, war Tonkov, möglicherweise behindert durch Verletzungen an Knie und Ellbogen, nicht in der Lage, das Hinterrad des Mannes in rosa zu halten. Auf den restlichen Kilometern schwankte Tonkov am Rande des Einbruchs, konnte durch eine wagemutige letzte Abfahrt aber noch einmal Zeit gutmachen. Nur 55 Sekunden Rückstand ließen ihm eine gewisse Chance auf den Girosieg. Wie im Vorjahr würde sich diese Chance am Mortirolo bieten, doch hatte Tonkov in diesem Jahr 1:32 Minuten gutzumachen. Die Bergankunft am Tonalepass brachte keine Veränderung, gemeinsam erreichten die Favoriten das Ziel am Ende des wenig steilen Schlussanstiegs. Die Entscheidung musste also auf dem Weg nach Edolo fallen, bei dem kurz vor dem Ziel der Scharfrichter des Vorjahres zu erklimmen war. Tatsächlich versuchte Tonkov es, doch Gotti war an diesem Tag stärker als der Titelverteidiger, übernahm in Teilen des Anstiegs sogar selbst die Initiative. Gemeinsam mit Belli erreichten die beiden Edolo, wo Gotti seinem russischen Freund und Rivalen kampflos den Etappensieg überließ.

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Aprica: Tonkov gewinnt die Etappe, Gotti den Giro

Ein kleiner Trost für Tonkov, der den Giro unter äußerst unglücklichen Umständen verloren hatte. So formulierte es auch sein sportlicher Leiter: Gotti habe nicht gewonnen, vielmehr habe Tonkov verloren. Eine Einschätzung, für die sich Tonkov nichts kaufen konnte.
Nachdem es beim Giro also knapp nicht gereicht hatte, setzte sich Tonkov für die weitere Saison ein neues Ziel: Erstmals wollte er in Spanien glänzen und bei der Vuelta um den Sieg kämpfen. Zunächst jedoch gewann er das schwere Eintagesrennen Giro dell’Apennino, das in diesem Jahr im Juni ausgetragen wurde.
Im Vorfeld der Vuelta gehörte Tonkov zum erweiterten Favoritenkreis. Topfavorit war das ONCE-Team, das mit Zülle und Jalabert die Sieger der letzten beiden Austragungen stellte. Bereits nach einer Woche büßte Tonkov jedoch alle Chancen auf eine vordere Platzierung ein, als er, durch eine Krankheit geschwächt, bei der Bergankunft in der Sierra Nevada das Ziel im Grupetto erreichte. Dass Sprinter wie Marcel Wüst das Ziel noch vor ihm erreichten, spricht eine deutliche Sprache. Doch Tonkov ließ sich nicht unterkriegen. Während der zweiten Rennwoche wurde er Vater, was ihn zu Höchstleistungen anspornte. Bei der Bergankunft der zwölften Etappe, die Roberto Heras gewann, wurde er bereits Vierter, einen Tag später schlug dann seine große Stunde. Tonkov gewann die Ankunft in Valgrande Pajares, die durch die Vuelta 2005 Berühmtheit erlangt hat, vor Jose Maria Jimenez. Doch damit nicht genug: Zwei Tage später gewann er im Alpe D’Huez Spaniens, an den Seen von Covadonga seine zweite Etappe. Am Tag danach verließ er die Vuelta. Er hatte bewiesen, dass nur unglückliche Umstände ihn daran gehindert hatten, ein Rivale für Alex Zülle zu sein. Dieser fehlte dem Rennen trotz des tapfer kämpfenden Escartin, der am Ende Gesamtrang zwei hinter Zülle einnahm.
Fünf Etappensiege bei großen Rundfahrten, der zweite Rang beim Giro sowie seine Siege in der Romandie und beim Giro dell’Apennino sowie ein weiterer Erfolg bei der Trofeo dello Scalatore ließen Tonkov am Ende des Jahres auf Platz fünf der UCI-Weltrangliste stehen. Gemessen daran war dies die erfolgreichste Saison seiner Karriere, auch wenn er diese Erfolge wohl liebend gern gegen den Gesamtsieg beim Giro getauscht hätte.

Die nächste Chance, diesen noch einmal zu erringen, sollte sich 1998 bieten. Wieder richtete er seine Saisonplanung auf die Italien-Rundfahrt aus und erneut wählte er in der Vorbereitung den Weg über die Tour de Romandie. Mit dosiertem Krafteinsatz wurde er schließlich Neunter, offenbar wollte er den Fehler des Vorjahres nicht wiederholen, als er möglicherweise zu viele Kräfte in den Vorbereitungsrennen auf den Giro investiert hatte.
Vor dem Girobeginn wurden vier große Favoriten gehandelt: Neben den Vorjahresprotagonisten Tonkov und Gotti waren dies Pantani, der bei der Tour de France 1997 ein glänzendes Comeback gefeiert hatte, sowie Vueltasieger Zülle, der als Kapitän von Festina an den Start ging. Der Schweizer musste die Entscheidung in den Zeitfahren suchen und unternahm einen ersten Schritt bereits beim Prolog in Nizza, bei dem er seinen Konkurrenten zwischen 20 und 40 Sekunden abnehmen konnte und ins rosa Trikot schlüpfen konnte. Zwar verlor der Schweizer das Trikot zwischenzeitlich an Gonchar, doch bereits auf der sechsten Etappe schlug er mit einer herausragenden Leistung zurück. Er gewann die schwere Etappe zum Lago Laceno mit einer halben Minute Vorsprung auf seine Konkurrenten und beeindruckte damit, dass er den attackierenden Pantani am Berg in die Schranken wies. Nachdem die mittelschwere Etappe nach San Marino keine Veränderungen brachte, tat sich auf der Mittelgebirgsetappe nach Schio einiges. In der letzten Abfahrt des Tages stürzten sowohl Pantani als auch Zülle, der acht Sekunden auf Pantani und den einem Sturz knapp entgangenen Tonkov verlor, während Gotti bereits am Berg den Anschluss verlor und sich mit einer Minute Rückstand quasi aus dem Kreis der Sieganwärter verabschiedete. Doch war diese Etappe nur das Vorspiel zur ersten großen Bergankunft in Piancavallo. Diese vierzehnte Etappe gewann Pantani mit dem eher geringen Vorsprung von 13 Sekunden auf die kooperierenden Tonkov und Zülle, während Gottis Schwäche endgültig offenbar wurde, der Vorjahresgewinner büßte fünf Minuten und alle Podiumschancen ein und gab einige Tage später auf. 24 Stunden später kam für Zülle, der am Vortag das rosa Trikot von Noe zurückerobert hatte, die Gelegenheit, eine Vorentscheidung herbeizuführen. Er gewann das 40 Kilometer lange Zeitfahren von Triest, 1:22 vor dem drittplatzierten Tonkov und dreieinhalb Minuten vor Pantani. Vor den Dolomiten hatte Tonkov damit zwei, Pantani sogar vier Minuten gutzumachen. Drei schwere Bergetappen hintereinander sollten ihnen die entsprechende Gelegenheit bieten. Zunächst ging es über Fedaia und Sella nach Wolkenstein. Dabei kontrollierte wie gewohnt Zülles Festinateam das Rennen, ehe Tonkov im Aufstieg zum Fedaia eine trockene Attacke lancierte. Pantani und Guerini konterten sofort, doch Zülle wurde im auseinanderfallenden Feld nach hinten durchgereicht. Aber auch Tonkov war den beiden Italienern auf Dauer nicht gewachsen und verlor den Anschluss an die beiden noch im Fedaia. Immerhin konnte er mit der Hilfe des treuen Camenzind im Aufstieg zum Sellajoch seine Chancen wahren, doch verlor er bis zum Ziel zwei Minuten auf die beiden enteilten Bergziegen. Damit erging es ihm jedoch noch weit besser als Zülle, der mit viereinhalb Minuten Verspätung eintrudelte. Somit übernahm Pantani die Gesamtführung vor Tonkov und Etappensieger Guerini, aber auch Zülle lag als Vierter nur eine Minute zurück. Pantani musste vor dem Zeitfahren am vorletzten Tag also noch Zeit gewinnen.

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Das Duell: Auf der Alpe di Pampeago gewinnt Tonkov

Bereits am folgenden Tag bot die Bergankunft auf der Alpe di Pampeago das passende Terrain und tatsächlich konnte Pantani mit einem Antritt vier Kilometer vor dem Ziel eine weitere Vorentscheidung herbeiführen. Gemeinsam mit Tonkov konnte er die beiden anderen Konkurrenten um etwa eine Minute abhängen. Doch Tonkov ließ sich von den Rhythmuswechseln des „Piraten“ nicht beeindrucken und zog zwei Kilometer vor dem Ziel sogar an Pantani vorbei, der schließlich sogar Mühe hatte, das Hinterrad des bärenstarken Russen zu halten. Tonkov gewann die Etappe hochverdient mit einer Sekunde Vorsprung auf Pantani und hatte nun beste Chancen auf den Gesamtsieg. Doch das härteste Teilstück des Giro sollte noch folgen: Die Bergankunft in Plan di Montecampione, 20km Anstieg mit 7,5% Durchschnittsteigung.

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Das Duell: Alle anderen Fahrer sind chancenlos

Bis zum Fuß des Schlussanstieges hielt Pantani still, während ein völlig einbrechender Zülle bereits mehrere Minuten hinter den Favoriten lag, doch bereits auf den ersten Metern des Berges trat der „Pirat“ an. Aber so leicht war Tonkov nicht zu schlagen, zwar verloren alle anderen Fahrer unmittelbar den Anschluss, doch der Russe ging sofort an das Hinterrad Pantanis. Pantani flog förmlich den Berg hinauf, aber Tonkov zeigte kein Zeichen von Schwäche. Der Etappendritte Guerini lag schon nach wenigen Kilometern mehr als eine Minute zurück. Pantani versuchte es mit seinen giftigsten Tempowechseln, aber Tonkov war kein Ullrich: Wie am Vortag zeigte er Stärke und übernahm streckenweise selbst die Tempoarbeit. Bis 2300 Meter vor dem Ziel widerstand er jeder einzelnen der vielen Attacken Pantanis. Doch dann schlug der Mann mit dem Hammer beim Russen zu. Pantani blieben nur zwei Kilometer, doch hier zeigte er, dass er der beste Kletterer der Welt war: Es gelang ihm, Tonkov noch unglaubliche 57 Sekunden abzunehmen. Der drittplatzierte Guerini lag bereits mehr als drei Minuten zurück.

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Das Duell: Tonkov kann Pantanis Hinterrad nicht mehr halten

Damit hatte Tonkov im abschließenden 34km-Zeitfahren einen Rückstand von 1:28 aufzuholen, unwahrscheinlich, aber nicht ganz aussichtslos. Um es kurz zu machen: Es reichte nicht. Zwar fuhr er als Etappenfünfter ein durchaus starkes Zeitfahren, aber Pantani war wie ausgewechselt. Er, der seine Verluste in Zeitfahren bisher immer in Minuten zu messen hatte, wurde sensationeller Etappendritter und nahm Tonkov sogar noch fünf Sekunden ab. Der Girosieg ging also an Pantani, während Tonkov erneut unglücklich geschlagen 1:33 zurücklag. Tonkov sollte nach dieser Niederlage sein allerhöchstes Niveau nur noch selten erreichen. Immerhin gewann er im Juni erneut den Giro dell’Apennino, danach gab er bei der Tour de Suisse auf und verzichtete auf eine Teilnahme an Tour. Die Vuelta musste er schließlich wegen eines Steißbeinbruches absagen, sodass seine Saison, in der er einer der prägenden Fahrer bei einer der spannendsten großen Landesrundfahrten der Neunziger Jahre gewesen war, ein unglückliches Ende fand.
"Wittgenstein pondered what time it could be on the sun (it was a nonsensical question, he concluded)." - The Economist

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Escartin
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13.12.2005 - 9:53

Teil III: Langsamer Abstieg und Karriereende

Nach den beiden unglücklichen Niederlagen beim Giro beschloss Tonkov, 1999 neue Wege zu gehen. Erstmals verzichtete der Mapei-Kapitän auf eine Teilnahme am Giro, um sich konsequent auf die Tour vorzubereiten. Sein erstes beachtenswertes Ergebnis auf dem Weg zur Tour erreichte er beim Giro dell’Apenninio im Juni, bei dem er sich in diesem Jahr allerdings mit Platz zwei begnügen musste. Den letzten Test vor der Frankreich-Rundfahrt absolvierte er bei der Tour de Suisse, bei der einen vierten Rang bei der Bergankunft in Arosa erreichte und insgesamt Zehnter wurde. Zwar plagten ihn in der letzten Woche vor dem Tourbeginn Schmerzen im rechten Knie, aber dennoch ging er optimistisch an den Start. Sein Ziel sei das Podium und ein Etappensieg, verkündete er im Vorfeld. Kein unrealistisches Ziel, fehlten der Tour im Jahr 1999 doch die großen Favoriten. Kein ehemaliger Sieger stand am Start und hinter Zülle und Virenque stand nach der Festina-Affäre ein Fragezeichen. Größter Favorit war daher der Vorjahresdritte Bobby Julich, sicher kein Fahrer, vor dem sich Tonkov fürchten musste. Er begann die Rundfahrt als Zwanzigster des Prologs, den Lance Armstrong gewann. Den vorentscheidenden Sturz in der Passage du Gois überstand Tonkov unbeschadet, sodass seine Hoffnungen am Ende der ersten Woche absolut intakt waren. Dann verlief das lange Zeitfahren von Metz jedoch ziemlich enttäuschend für den Russen, der als Siebzehnter mehr als viereinhalb Minuten auf Armstrong verlor und auch den Bergspezialisten kaum Zeit abnehmen konnte. Noch schlimmer kam es auf der nach einem Ruhetag folgenden Bergankunft in Sestriere, bei der Tonkov sich nur als 23. klassieren konnte. Dennoch lag er jetzt auf Platz zehn der Gesamtwertung. Prächtig erholt zeigte er sich am folgenden Tag auf dem Weg nach Alpe d’Huez: Er beendete die Etappe als Zweiter hinter Guerini und lag in der Gesamtwertung nun auf Platz sieben, das Podium in Blickweite.

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Tonkov und Armstrong

Nach einigen Überführungsetappen stand ein erneuter Ruhetag an, ehe es am nächsten Tag in die Pyrenäen ging. Und wiederum beendete Tonkov die folgende Etappe auf dem 23. Platz, während Fernando Escartin einen tollen Etappensieg herausfuhr. Doch diesmal war der Schaden für Tonkov irreparabel. Er stürzte auf Platz zwölf der Gesamtwertung, ohne Aussicht, noch einmal in die ersten acht zu kommen. Zwar revanchierte er sich am folgenden Tag mit einer starken Leistung am Tourmalet und Etappenplatz acht in Pau, doch am nächsten Tag trat er wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht mehr an und beendete eine verkorkste Tour vorzeitig. Er kündigte an, im nächsten Jahr wiederkommen zu wollen, doch tatsächlich war dies bereits Tonkovs Abschied von der Tour.
Am ersten August gewann Tonkov den Luk-Cup in Bühl, sein einziger Sieg in dieser Saison und einer seiner seltenen Siege bei Eintagesrennen. Danach begann er die Vorbereitung auf die Vuelta, bei der er sich für die misslungene Tour revanchieren wollte. Tonkov begann das Rennen solide, büßte im ersten langen Zeitfahren dann allerdings vier Minuten auf Etappensieger Olano ein, der als Gesamtführender ins Gebirge ging. Doch zwei Tage später stand zum ersten Mal der Angliru im Vueltakurs, perfektes Terrain für den Mortirolo-erprobten Tonkov. Durch strömenden Regen ging es zu dem extrem steilen Berg in Asturien hinauf. Das Wetter forderte als erstes Opfer den einheimischen Mitfavoriten Escartin, der in einer Abfahrt stürzte und das Rennen aufgeben musste. Am Fuß des Angliru ging Tonkov in die Offensive und löste sich leichtfüßig aus der Gruppe um Olano. Bald sah er wie der sichere Etappensieger aus, ehe fünf Kilometer vor dem Ziel Jose-Maria Jimenez die Verfolgung aufnahm. Während sich alle anderen Profis die Rampen sichtbar hinaufquälten, flog er regelrecht den Berg hinauf. Praktisch auf der Ziellinie fing er Tonkov noch ab und gewann die Etappe vor dem enttäuschten Russen, der sich nicht ganz zu unrecht durch die Begleitautos behindert fühlte. Immerhin konnte er sich mit dem Sprung auf Rang drei der Gesamtwertung trösten, die Olano vor Ullrich anführte.

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Tonkov fehlen nur wenige Meter zum Sieg am Angliru

Drei Bergankünfte in den Pyrenäen folgten wenige Tage später. Die erste am Pla de Beret erreichten alle Favoriten außer Olano zugleich. Der Spanier zeigte erste Schwächen und verlor 30 Sekunden. Damit lag Tonkov jetzt nur noch zweieinhalb Minuten zurück. Am nächsten Tag ging es nach Andorra-Arcalis, in den Ort, in dem Ullrich 1997 die Tour entschieden hatte. Olano brach auf dieser Königsetappe unter den ständigen Angriffen von Banesto völlig zusammen. Tonkov und Ullrich fuhren an den Hinterrädern der Banestofahrer an die Spitze der Gesamtwertung, allein Igor Gonzalez de Galdeano schob sich als Etappensieger noch zwischen sie auf Platz zwei. Tonkov lag jetzt nur 48 Sekunden hinter dem neuen Führenden Ullrich. Doch seine Hoffnungen zerstoben bereits am folgenden Tag. Bei der Bergankunft am Rasos de Peguera verlor er drei Minuten auf seine Konkurrenten und fiel auf Rang fünf zurück. Er erklärte seinen Einbruch mit erneut aufgetretenen Knieproblemen. Den bis zum Schluss möglichen Sprung aufs Podium verpasste Tonkov schließlich beim Abschlusszeitfahren, als er sogar Zeit auf den schwächer Eingeschätzten Heras verlor und sich nur noch auf Rang vier vorarbeiten konnte. Ohne seinen Einbruch hätte er am Ende wohl auf Platz zwei stehen können, aber auch so war diese Vuelta durchaus ein Erfolg für den Russen. Erstmals beendete er eine andere große Landesrundfahrt als den Giro ganz vorne und zeigte damit, dass weiterhin mit ihm zu rechnen sein würde. Nach der Vuelta setzte sich Tonkov die WM zum Ziel, im Straßenrennen verpasste er im Finale jedoch den Anschluss an die stärksten Fahrer und wurde schließlich 18., auf die Teilnahme am Zeitfahren hatte er verzichtet. Tonkov beendete eine durchwachsene Saison mit einem 19. Platz bei der Lombardei-Rundfahrt.

Zwar hatte Tonkov angekündigt, im Jahr 2000 zur Tour zurückkehren zu wollen, doch es kam anders. Stattdessen peilte er den Giro und erneut die Vuelta an. In einer diskreten Vorbereitung auf den Giro war der zwölfte Gesamtrang bei der Tour de Romandie das herausragende Ergebnis.
Bei der ersten schweren Bergetappe des Giro in den Apenninen erreichte Tonkov gemeinsam mit fast allen anderen Favoriten das Ziel, allerdings mit mehr als anderthalb Minuten Rückstand auf den enteilten Casagrande, der damit das rosa Trikot übernahm. Durch einen starken sechsten Platz im ersten flachen Zeitfahren des Giro konnte Tonkov diesen Rückstand aber fast vollständig wettmachen, er belegte jetzt Platz drei, nur sieben Sekunden hinter Casagrande.

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Die Protagonisten des Giro 2000

Doch bereits die erste Dolomitenetappe nach Wolkenstein brachte den nächsten Rückschlag für Tonkov, im Aufstieg zum Sellajoch verlor er eine Minute auf seine Hauptkonkurrenten Casagrande und Garzelli. Noch schlimmer kam es am nächsten Tag am Gavia, auf dem Weg nach Bormio verlor Tonkov weitere anderthalb Minuten und fiel auf Platz sieben zurück. Drei Flachetappen boten ihm die Gelegenheit zu regenerieren, ehe in den Piemonteser Alpen die Entscheidung fallen sollte. Und tatsächlich meldete er sich mit den Plätzen fünf in Pratonevoso und sechs in Briancon an der Spitze zurück. Er lag jetzt auf Platz vier der Gesamtwertung, allerdings schon zwei Minuten hinter dem drittplatzierten Simoni. Dieser, Casagrande und Garzelli lagen immer noch innerhalb einer Minute, die Entscheidung musste also beim Bergzeitfahren nach Sestriere fallen. Und während Garzelli auf dieser Etappe noch an Casagrande vorbeiging und diesem den sicher geglaubten Girosieg abnahm, hatte Tonkov einen schwarzen Tag. Er belegte nur den 21. Platz mit mehr als vier Minuten Rückstand und fiel auf Platz fünf der Gesamtwertung zurück, noch hinter seinen Edelhelfer Noe, was ihm vernichtende Kritik von Mapeipatron Giorgio Squinzi einbrachte. Erstmals kursierte das Gerücht, Tonkov werde Mapei am Ende des Jahres verlassen. Doch der Russe schlug zurück: Er bereitete sich konsequent auf die Vuelta vor und bewies mit einem zwölften Platz in der Burgos-Rundfahrt, dass der Formaufbau stimmte.
Wie bei fast allen großen Landesrundfahrten seiner Karriere blieb Tonkov in den ersten Tagen unauffällig. Erstmals zeigte er sich bei der schweren Etappe nach Xorret de Cati und kletterte auf Rang acht der noch unkonturierten Gesamtwertung. Diesen Platz nahm er auch nach dem ersten langen Zeitfahren ein und fuhr mit gut drei Minuten Rückstand auf den wiederum führenden Olano in die Pyrenäen. Die erste Bergankunft in La Molina brachte wegen des leichten Schlussanstiegs keine nennenswerten Veränderungen in der Gesamtwertung. Bei der großen Bergetappe nach Arcalis ging dann das Kelmeteam in die Offensive und demontierte die Mannschaften der nationalen Konkurrenten ONCE und Banesto. Tonkov hielt sich dagegen gut, verlor nur knapp eine Minute auf Kelmekapitän Heras und schob sich auf Rang sechs der von Angel-Luis Casero angeführten Gesamtwertung. Auch an den Lagos de Covadonga, die drei Tage später angefahren wurden, zeigte er eine starke Leistung und rangierte jetzt auf Platz fünf, während Heras die Gesamtführung vor dem zeitgleichen Casero übernahm. Dann stand erneut der Angliru im Programm. Und wie im Vorjahr zeigte Tonkov an diesem Berg seine stärkste Leistung. Während Simoni aus einer Spitzengruppe heraus die Etappe gewann, griff Tonkov an und zeigte von allen Favoriten die zweitbeste Leistung, nur der brillant kletternde Heras konnte ihn abhängen. Seinen direkten Konkurrenten um einen Podiumsplatz konnte Tonkov dagegen wertvolle Zeit abnehmen und kletterte auf den dritten Platz der Gesamtwertung. Der Podiumsplatz war ihm damit kaum noch zu nehmen. Die letzte Bergankunft auf dem Alto de Abantos beendete er als Siebter, sodass ihm der dritte Platz vor dem abschließenden Zeitfahren nach Madrid quasi sicher war. Auf den 38 flachen Kilometern nach Madrid fuhr Tonkov schließlich eines der besten Zeitfahren seiner Laufbahn, er belegte Platz fünf und verteidigte seinen Podiumsplatz damit endgültig gegen den überraschend starken Santos Gonzalez, während Heras seinen ersten Vueltasieg feierte. Es war das letzte Mal, dass Tonkov eine große Rundfahrt auf dem Podium beendete. Nach der Vuelta nahm Tonkov noch die olympischen Spiele in Angriff, konnte sich als 29. des Straßenrennens aber nicht in Szene setzen.

Nach vier Jahren bei Mapei nahm Tonkov die Saison 2001 in einem neuen Team in Angriff. Bereits während der Vuelta hatte er seinen Wechsel zum neugegründeten Mercury-Team bekannt gegeben, eine logische Trennung nach dem Konflikt beim Giro. Mercury war als Folge der Toursiege Armstrongs als zweites amerikanisches Topteam gegründet worden und hatte neben Tonkov unter anderem die Klassikerspezialisten van Petegem und van Bon verpflichtet. Ziel des Teams war die Teilnahme an der Tour. Dementsprechend richtete Tonkov seine Saison aus. Er bestritt im Frühjahr die Baskenlandrundfahrt und gewann das Bergtrikot, fuhr als 16. ein starkes Lüttich-Bastogne und beendete die Tour de Romandie auf dem 15. Platz, womit er bewies, dass die Formkurve nach oben zeigte. Trotz teilweise starker Leistungen seiner Teamkollegen, etwa bei Paris-Nizza, wurde Mercury jedoch nicht zur Tour eingeladen, ein harter Schlag für das Team. Damit wurde der Juni, der eigentlich zur Tourvorbereitung dienen sollte, zum ersten und unglücklicherweise auch letzten Saisonhöhepunkt Tonkovs. Dementsprechend zeigte er einige sehr starke Leistungen. Zu Beginn des Monats beendete er die spanische Rundfahrt Euskal Bizikleta auf dem fünften Platz. Kurz darauf belegte er beim schweren Alpenklassiker Platz drei hinter Iban Mayo und Lance Armstrong. Seinen stärksten Auftritt sollte er jedoch bei der Dauphine Libere haben. Nach dem Prolog, einer schweren Etappe nach Carpentras mit Ventouxüberquerung und dem langen Zeitfahren lag Tonkov bereits auf dem fünften Platz der Gesamtwertung. Die wirklich schweren Tage sollten aber noch folgen. So die Etappe nach Grenoble, bei der Tonkov im Aufstieg nach Chamrousse attackierte, er beendete die Etappe als Vierter und schob sich in der Gesamtwertung an die zweite Stelle, nur eine Sekunde hinter Christophe Moreau. Am nächsten Tag ging es über den Galibier nach Briancon, wiederum ideales Terrain für eine Attacke. Tatsächlich konnte Tonkov alle seine Kontrahenten distanzieren, allein Moreau ließ sich nicht abschütteln. Schließlich gewann Mayo die Etappe, während Tonkov und Moreau Seite an Seite die Plätze zwei und drei belegten. Damit blieb Tonkov nur noch die Etappe nach Chambery. Unermüdlich attackierte er den Franzosen auch an diesem letzten Tag, doch waren die Berge auf dieser Etappe nicht mehr hoch genug, um Moreau abhängen zu können. Wiederum erreichten sie gemeinsam das Ziel, wodurch Moreau seine hauchdünne Gesamtführung behielt. Tonkov hatte einen weiteren Triumph bei einer wichtigen Rundfahrt denkbar knapp verpasst.

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Duell am Galibier: Tonkov und Moreau trennt nur eine Sekunde

Zwar war die Nichteinladung zur Tour ein Schlag für Tonkov, doch stellte sich dieser als harmlos heraus, gemessen an dem, was folgen sollte. Das Team geriet nach dem Ausstieg des Co-Sponsors Viatel in finanzielle Schwierigkeiten und konnte die Gehälter nicht mehr bezahlen. Eine Situation, wie zwei Jahre später beim Team Coast, nur, dass sich kein Nachfolgesponsor fand. Am ersten Oktober wurde das Team von der UCI vom Rennbetrieb ausgeschlossen. Die Saison 2001 war für Tonkov also ein verlorenes Jahr, trotz seines starken Juni. Der inzwischen 32-jährige hatte damit seine vielleicht letzte Chance verpasst, noch einmal bei einer großen Rundfahrt auf das Podium zu steigen. Nach dem Fiasko bei Mercury kehrte Tonkov zurück zu Giuseppe Saronni und dem Lampre-Team.

Lampres Planungen für das Jahr 2002 hatten ursprünglich vorgesehen, beim Giro mit einer Doppelspitze Simoni/Tonkov anzugreifen, doch hatte Simoni das Team schließlich verlassen, sodass sich Tonkov erneut in der Kapitänsrolle wiederfand. Seine Ergebnisse in der Vorbereitung auf den Giro waren zu vernachlässigen, zudem hatte Tonkov seit fast zwei Jahren keine große Rundfahrt mehr bestritten, am Start des Giro in Groningen stand also ein dickes Fragezeichen hinter den Aussichten des Russen. Die Italienrundfahrt hatte in diesem Jahr einen ungewöhnlich leichten Kurs mit nur zwei Hochgebirgsetappen in der letzten Woche, dafür aber drei Bergankünften im Mittelgebirge im ersten Teil des Rennens. Bei diesen zeigte sich, dass Tonkov tatsächlich noch Defizite hatte. Zwar verlor er nie bedeutend Zeit, doch konnte er auch keine absoluten Spitzenleistungen zeigen. Abgesehen von einer kurzen und erfolglosen Attacke im Aufstieg nach San Giacomo war er innerhalb der ersten zwei Wochen praktisch nicht zu sehen. Damit lag er nach 14 Etappen auf Platz 20, viereinhalb Minuten hinter der Spitze. Die sechzehnte Etappe führte über vier Pässe in das Herz der Dolomiten und während der Mexikaner Perez-Cuapio nach einer grandiosen Alleinfahrt triumphierte, verlor Tonkov als Sechzehnter erstmals deutlich Zeit, dennoch lag er jetzt nur sechs Minuten hinter dem Überraschungsführenden Evans. Die Entscheidung des Giro musste bei der schweren Bergankunft in Folgaria fallen. Und diese wurde für Tonkov zu einer wahrhaften Auferstehung: Gemeinsam mit Perez-Cuapio setzte er sich am vorletzten Anstieg der Etappe aus der Favoritengruppe ab, bis zum Fuß des 16 Kilometer langen Schlussanstiegs fuhren die beiden einen Vorsprung von 2,18 Minuten heraus. Bereits auf den ersten Kilometern des extrem harten Schlussanstiegs ließ Tonkov den ausgelaugten Perez-Cuapio stehen und baute seinen Vorsprung auf die noch abwartenden Favoriten auf drei Minuten aus. Dann jedoch begann der Kampf der Gesamtwertungsfahrer, von denen sich Savoldelli als der Beste erwies. Und tatsächlich war er der einzige Fahrer, der Tonkov im zweiten Teil des Anstiegs Zeit abnehmen konnte, obwohl der Russe bereits seit 40 Kilometern an der Spitze fuhr. Tonkov zeigte auf dieser Etappe seine wohl beste Leistung seit 1998, gewann mit zwei Minuten Vorsprung auf Savoldelli und schob sich noch auf den fünften Platz der Gesamtwertung nach vorne.

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Die Rückkehr: Triumphahler Sieg in Folgaria

Er war nun offenkundig in Topform, doch leider war die letzte Girowoche in diesem Jahr ungewöhnlich leicht. Mit weiteren harten Bergetappen hätte er durchaus noch auf einen Podiumsplatz spekulieren können. Dennoch bedeutete sein fünfter Gesamtrang in Mailand ein tolles Comeback, das allerdings fast verblasste gegenüber der Wiederauferstehung Savoldellis.
Bei der Tour de Suisse bestätigte Tonkov seine Leistung vom Giro, während Alex Zülle seinen letzten großen Sieg feierte. Der Russe zeigte starke Leistungen auf den Bergetappen, verlor in den Zeitfahren jedoch recht viel Zeit und beendete die Rundfahrt auf Platz sechs.
Kaum eine Erwähnung verdient dagegen Tonkovs Teilnahme an der Vuelta, die er auf Platz 67 beendete, ohne auch nur auf einzelnen Etappen zu glänzen. So hatte er zwar bewiesen, dass er noch nicht abgeschrieben werden durfte, ein ganzes Jahr konnte er jedoch nicht mehr auf höchstem Niveau bestreiten.

Trotz seines starken Comebacks im Vorjahr trennten sich Lampre und Tonkov vor der Saison 2003. Das Team setzte beim kommenden Giro auf die neuverpflichteten Casagrande und Belli. Tonkov fand Unterschlupf beim kleinen polnischen CCC-Team, das aber zum Giro eingeladen war. Daher galt seine Konzentration wiederum der Italienrundfahrt. Wieder war der Giro dell’Apennino, den er als Dritter beendete, ein Indikator für Tonkovs Form. Und tatsächlich begann er auch den Giro in starker Verfassung. Die erste Bergankunft am Terminillo beendete er als Etappenvierter und durfte sich fortan realistische Hoffnungen auf den dritten Platz hinter den Kontrahenten Simoni und Garzelli machen.

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Noch einmal Podium? Tonkov kann mit Simoni und Garzelli mithalten

Doch wurde der Russe in der zweiten Woche von Rückenschmerzen geplagt und verlor am extrem steilen Zoncolan viele Minuten. Zwei Tage später gab er das Rennen auf, nachdem er auf der großen Dolomitenetappe noch eine verzweifelte Flucht gefahren war. Enttäuscht verließ er die Rundfahrt noch am selben Tag. Auch bei der Tour de Suisse konnte Tonkov sich nicht zurückmelden, ebenso wenig im weiteren Saisonverlauf. Durch altersbedingte Verletzungsanfälligkeit war diese Saison nach vielversprechendem Beginn erneut ein verlorenes Jahr für Tonkov. Hinzu kam, dass er erneut in Konflikt mit seinem Team geriet, dass ihn wegen angeblich mangelhafter Leistungen nicht mehr weiter bezahlen wollte. Deshalb beendete er seine Saison bereits im Sommer. Aber Tonkov gab nicht auf, schließlich konnte er immer noch mithalten, wenn er denn gesund war.

So versuchte sich Tonkov im Jahr 2004 wieder am Giro, doch war er inzwischen zu einem Dasein als Weltenbummler verurteilt, dieses Jahr ging er für Vini-Caldirola an den Start, wo er als Edelhelfer für Stefano Garzelli vorgesehen war.
In der Vorbereitung beendete er den Giro del Trentino als Fünfter, auffälliger als diese Leistung war jedoch, dass der stets kurzhaarige Russe sich eine lange Mähne hatte wachsen lassen. Damit gehörte er äußerlich zu den auffälligsten Gestalten beim Giro. Auch sportlich meldete er sich bei den ersten Bergankünften im Mittelgebirge zurück, da er sich jedoch nach getaner Arbeit für Garzelli zurückfallen ließ, belegte er nach dem ersten Zeitfahren nur den 21. Platz, die Gesamtwertung war offensichtlich nicht sein Ziel. Da sein Kapitän Garzelli aber spürbar schwächelte, war die Situation des Teams vor den Dolomitenetappen alles andere als erfreulich. Doch auf der zweiten von vier schweren Etappen durch die italienische Bergwelt schlug Tonkovs große Stunde. Auf dieser leichtesten der Bergetappen stellte der Mendelpass das größte Hindernis dar, diesen nutzte Tonkov zu einer Attacke aus dem Feld, fuhr zu dem Ausreißer Bertolini auf und ließ diesen bald darauf stehen. Die letzten 15 km der Etappe absolvierte er als Solist und erreichte das Ziel mit zwei Minuten Vorsprung auf Bertolini. Er zelebrierte seinen Sieg mit einer emotionalen Geste, die Befremden bei den Kommentatoren auslöste und die er als Zeichen an seine Kritiker erklärte. Zugleich schob er sich damit auf den vierzehnten Platz der Gesamtwertung.

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Rüde Geste: Tonkovs letzter großer Sieg

Nach zwei superschweren Etappen, bei denen auch Kapitän Garzelli noch einen Sieg feiern konnte, beendete Tonkov seinen letzten Giro schließlich als Dreizehnter, während der junge Cunego sich als Sieger in die Herzen der Tifosi fuhr.
Danach ging Tonkov noch an den Start der Tour de Suisse, die er als Zwanzigster beendete. Schließlich musste er wegen der dünnen Personaldecke seines Team auch an der Vuelta teilnahmen, ohne Form gab er jedoch auf der zwölften Etappe auf.
Nach dieser Saison wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt gewesen, abzutreten, aber Tonkov hängte ein weiteres Jahr dran. Offenbar fiel ihm der Abschied vom Radsport schwer.

Vini-Caldirola zog sich zur Saison 2005 als Sponsor zurück. Daraufhin war Tonkov lange bei Liquigas im Gespräch, ehe die Hoffnung, dort einen ProTour-Rennstall zu finden, sich zerschlug. Schließlich fand Tonkov beim kleinen LPR-Team Unterschlupf. Durch die neugeschaffene ProTour war dieses Team jedoch nicht zum Giro zugelassen, sodass Tonkov nicht an „seinem“ Rennen teilnehmen konnte. So wurde die kleine Clasica Alcobendas zum Highlight von Tonkovs Abschiedssaison. Bei der Dreietappenfahrt in der Nähe von Madrid gewann Tonkov die Bergankunft auf dem Navacerrada und feierte nach einem soliden Zeitfahren auch den Gesamtsieg, den er vor Gomez Marchante und Martin Perdiguero errang. Da er sich auch die Berg- und die Kombinationswertung sicherte, nahm er vom letzten Erfolg seiner Karriere gleich ein ganzes Arsenal an Trikots mit nach Hause. Bei der Euskal Bizikleta lag er zwischenzeitlich auf Rang sechs der Gesamtwertung, gab dann aber auf. Im weiteren Verlauf der Saison blieb der Russe blass, sein letztes Rennen fuhr er bei der Lombardei-Rundfahrt, die er nicht beendete. Kurz darauf gab er seinen Rücktritt vom aktiven Sport bekannt.

Der Schwerpunkt von Tonkovs Karriere war eindeutig der Giro. Insgesamt ging er elf mal an den Start, zehn mal beendete er die Rundfahrt, dabei neun mal in den ersten zehn, sieben mal sogar unter den Top5. Er feierte sieben Etappensiege und trug zwanzig Tage das Maglia Rosa. Damit war er in den neunziger Jahren beim Giro erfolgreicher als jeder Italiener. Bei drei seiner Teilnahmen an der Vuelta glänzte Tonkov ebenfalls, nur bei der Tour blieb der Russe blass. Dafür konnte er auch bei den anderen wichtigen Rundfahrten glänzen, seine Siege bei den beiden schweizer Rundfahrten runden seine Palmares ab. Bei Eintagesrennen blieb Tonkov dagegen blass, da diese seinen Stärken nicht entsprachen. Tonkov lagen die langen Anstiege, vor allem, wenn sie steil waren. So zeigte er an Mortirolo und Angliru einige der stärksten Leistungen seiner Laufbahn. Dennoch war Tonkov kein eigentlicher Kletterer, sondern wurde oft als Rouleur charakterisiert, auch wenn er nicht zu den besten Zeitfahrern gehörte. Allerdings konnte er gegenüber kletterstarken Konkurrenten durchaus wichtige Zeit im Kampf gegen die Uhr gutmachen. So war Tonkov ein Fahrer, der sich weder als„Bergfahrer“ noch als „Zeitfahrer“ einordnen ließ und seine Erfolge mal der einen, mal der anderen Teildisziplin zu verdanken hatte.
Mit etwas mehr Glück hätte Tonkovs Bilanz noch imposanter ausfallen können, kamen seine zweiten Plätze bei Giro und Dauphine doch sehr unglücklich zustande. Dennoch ist Tonkov zweifellos einer der ganz großen Rundfahrer der neunziger Jahre und bis heute der erfolgreichste Profi aus der ehemaligen Sowjetunion.
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